Zum Welttag der Poesie:


Was man erfinden kann

(nach dem Märchen von Hans Christian Andersen)


Es war einmal ein junger Mann, der darauf studierte, Dichter zu werden.

Er wollte es zu Ostern sein, sich verheiraten und von der Dichterei leben.

Und die Dichterei, das wusste er, besteht nur darin, etwas zu erfinden.

Aber er konnte nichts erfinden.

Er war zu spät geboren, von allem war gedichtet und geschrieben worden.

„Die glücklichen Menschen, die vor tausend Jahren geboren wurden!”, klagte er.

„Damals war noch etwas da, worüber gedichtet werden konnte. Was soll ich heute schreiben?” Darauf studierte er, doch er wurde krank und elend dabei.

Kein Doktor konnte ihm helfen, aber vielleicht die kluge Frau. Sie wohnte im kleinen Haus am Feldgatter, das sie Wagen und Reitern aufschloss. Freilich konnte sie mehr als das. Sie war klüger als der Doktor, der im eigenen Wagen fährt und Rangsteuer zahlt.

„Ich muss zu ihr hinaus!”, beschloss der junge Mann, der ein Dichter werden wollte.

Das Haus, in dem sie wohnte, war klein und fein, aber langweilig anzusehen. Hier wuchs nicht ein Baum, nicht eine Blume. Vor der Tür stand ein Bienenkorb, sehr nützlich.

In der Nähe gab es einen kleinen Kartoffelacker, sehr nützlich. Und da war auch ein Graben mit Schlehdorn, der abgeblüht war und längst Beeren angesetzt hatte, die den Mund zusammenziehen, wenn man sie kostet, bevor sie Frost bekommen haben.

„Hier sehe ich leibhaftig unsere poesielose Zeit!”, dachte der junge Mann.

Und das war immerhin ein Gedanke, ein Goldkorn, welches er an der Tür der klugen Frau fand.

„Schreib das nieder!”, meinte sie. „Krumen sind auch Brot! Weshalb du hierher kommst, weiß ich. Du kannst nichts erfinden, und doch willst du zu Ostern ein Dichter sein!” Der junge Mann seufzte: „Alles ist niedergeschrieben! Unsere Zeit ist nicht die alte Zeit!”

„Zum Glück!”, erwiderte die Frau, „denn in der alten Zeit wurden die klugen Frauen verbrannt, und die Poeten hatten einen leeren Magen und ein Loch am Ellenbogen. Unsere Zeit ist gerade gut, sie ist die allerbeste! Aber du hast nicht den rechten Blick für die Dinge, du hast kein geschärftes Gehör und betest wohl am Abend niemals dein Vaterunser. Hier gibt es in Hülle und Fülle zu dichten und zu erzählen, wenn man erzählen kann. Du kannst es aus den Gewächsen der Erde herauslösen, aus dem fließenden und dem stillstehendem Wasser schöpfen. Doch du musst es verstehen, einen Sonnenstrahl aufzufangen. Versuch nun einmal meine Brille, setz mein Hörrohr ans Ohr, bete zu Gott und lass ab, nur an dich selbst zu denken!”

Das letztere war nun sehr schwierig und mehr, als eine kluge Frau verlangen kann.

Er bekam die Brille und das Hörrohr und wurde mitten in das Kartoffelfeld gestellt.

Sie gab ihm eine große Kartoffel in die Hand. Es klang darin, und es kam ein Lied mit Worten heraus, die Geschichte der Kartoffeln, interessant - eine Alltagsgeschichte in zehn Teilen, zehn Zeilen genügten. Und was sang die Kartoffel? Sie sang von sich und ihrer Familie, von der Ankunft der Kartoffeln in Europa, von der Missachtung, die sie erfahren und erlitten hatten, bevor sie heute, als ein größerer Segen denn ein Goldklumpen anerkannt waren:

„Wir wurden auf königliches Geheiß in allen Städten verteilt und es wurden Bekanntmachungen über unsere große Bedeutung erlassen. Aber man glaubte ihnen nicht, verstand nichts davon, uns zu pflanzen! Einer grub ein Loch und warf seinen ganzen Scheffel Kartoffeln hinein. Ein anderer steckte eine Kartoffel hier, eine dort in die Erde und erwartete nun, dass sie wie ein ganzer Baum emporschießen sollten, von dem man Kartoffeln schütteln könnte. Es kamen auch Pflanzen, Blüten und wässrige Früchte hervor, aber das Ganze verwelkte. Niemand dachte an das, was im Boden lag, an den Segen, an die Kartoffeln. Ja, wir haben ausgehalten und gelitten, das heißt, unsere Vorväter, sie und wir, das bleibt sich nun gleich. Welche Geschichten!”

„Ja, das mag nun genug sein!”, meinte die Frau. „Betrachte jetzt den Schlehdorn!”

Die Schlehen sprachen: „Wir haben nahe Verwandte im Heimatland der Kartoffeln, nur höher im Norden. Dahin kamen Leute aus Norwegen, die westwärts durch Nebel und Sturm nach einem unbekannten Land steuerten. Hinter Eis und Schnee fanden sie Kräuter, grüne Wiesen und endlich Büsche mit schwarzblauen Weinbeeren: Schlehdorn. Die Trauben froren reif, das tun wir auch. Und das entdeckte Land bekam den Namen Weinland, das ist Grönland, das ist Schlehenland!”

„Welch romantische Erzählung!”, rief der junge Mann aus.

„Ja, freilich, komm nun aber mit!”, sagte die kluge Frau und führte ihn zum Bienenkorb.

Er schaute in ihn hinein. Darin war ein fleißiges Leben und Treiben! Da standen Bienen in allen Gängen und fächelten mit den Flügeln, damit gesunde Luft durch die ganze große Fabrik zöge. Das war ihre Beschäftigung. Nun kamen Bienen von draußen herein. Sie waren mit Körbchen an den Füßen geboren und brachten Blütenstaub, der ausgeschüttet, gesondert und zu Honig und Wachs verarbeitet wurde. Sie flogen ein und aus. Die Bienenkönigin wollte auch ausfliegen, doch dann hätten alle Bienen mitfliegen müssen!

Es war noch nicht an der Zeit, deshalb bissen sie ihrer Majestät die Flügel ab, und so musste sie dableiben.

„Steig nun auf den Grabenrand!”, sprach die Frau zum jungen Mann.

„Komm und schau über die Landstraße hinaus, wo die Leute zu sehn sind!”

„Das ist ja ein Gewimmel!”, staunte er. „Eine Geschichte nach der andern! Das schwirrt und surrt! Es wird mir ganz bunt vor den Augen, ich falle hintenüber!”

„Nein, nein”, beruhigte ihn die kluge Frau. „Geh gerade ins Menschengewimmel hinein. Habe den richtigen Blick dafür, ein Ohr und auch ein Herz. Dann wirst du bald etwas erfinden. Doch ehe du fortgehst, muss ich meine Brille und mein Hörrohr wiederhaben!” Und so nahm sie ihm beides ab.

Da rief der junge Mann erschrocken: „Jetzt sehe ich nicht das Geringste! Jetzt höre ich nichts mehr!”

„Tja”, erwiderte die kluge Frau, „dann kannst du zu Ostern auch kein Dichter werden!

„Aber wann werde ich es?” fragte er.

„Weder zu Ostern noch zu Pfingsten! Du lernst es nicht, etwas zu erfinden.”

„Was muss ich denn tun, um mein Brot durch die Poesie zu verdienen?”

„Das kannst du schon zur Fastnacht verdienen! Mach Jagd auf die Poeten! Übertreffe ihre Schriften, so triffst du sie selbst! Lass dich nur nicht verblüffen! Schreib frisch drauf los, dann bekommst du Fastnachtswecken, mit denen du dich und deine Frau ernähren kannst!”

„Was man erfinden kann!”, wiederholte der junge Mann, und dann schrieb er drauflos, um jeden zweiten Poeten zu übertreffen, weil er selbst kein Poet werden konnte.

Wir haben es von der klugen Frau. Sie weiß, was man erfinden kann.



Zurück zur Startseite . . .