Chronik:



„Aufschreiben, alles aufschreiben, und nicht fragen, wozu und warum,
ob ein Buch daraus wird oder Memoiren oder gar nichts. Nicht fragen, nur sammeln.”

(Victor Klemperer, 1881-1960, Publizist und Schriftsteller)




Mit meiner Familie wohne ich seit Dezember 1987 in der Siedlung Gorinsee, Karl-Göbel-Straße. Wenn ich am Telefon unseren Orts- und Straßennamen buchstabiere, kommt oft die Frage: wo liegt denn dieser Ort?

Mich persönlich interessiert vielmehr, wer war Karl Göbel?

Im Kirchenarchiv Schönwalde fanden sich hand­schriftliche Aufzeichnungen des Pfarrers Gustav Schultz aus dem Jahre 1957 (Zitat): „Östlich der Chaussee Schönwalde-Bernau i. d. Nähe des Gorin-Sees wurde i. J. (...) von dem Feinmechaniker Karl Göbel (geb. 18.3.1870 in Schmöckwitz Kr. Teltow, gest. 13. Mai 1946 in Gorinsee) die Kolonie Gorin gegründet, die später Gorinsee genannt wurde... Zunächst wohnten dort wohl nur 2 oder 3 Familien, da ... die Seelenzahl 1931 auf 14 an­ge­geben wird. Im Laufe der Zeit wurden dann weitere Lauben und auch feste Häuser gebaut, die z. T. den Berlinern als Wochenendhäuser dienten.”

Auf der Suche nach Spuren der Gründer unserer Siedlung kam ich mit Einwohnern und „Sommerfrischlern” ins Gespräch.

Frau Edeltraut Magdanz, geb. Gauda, wurde 1932 in der Straße Nummer 3, heutige Straße zum See, geboren. Sie kennt die Namen der Gründer von Gorin(see). Als sie ein Kind war, lebten Karl Göbel, Paul Engel, Familie Stange, Herr Mittmann und Herr Markgraf.a

Was weiß Edeltraut Magdanz vom früheren „Sporthaus am Gorinsee”? Die nebenstehende Postkarte aus dem Jahre 1913 zeigt den Gorinsee, bei Schönwalde in der Mark, und o.g. Gaststätte. Als Besitzer des Sporthauses ist auf der Postkarte Hermann Borowsky angegeben.

Edeltraut Magdanz erzählte mir von zahlreichen Kremsern, die sonntags aus Berlin zum „Sporthaus am Gorinsee” kamen: „Im Garten gab es viele Sitzplätze. Nach dem Motto ’Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen’ nutzten die Gäste die Kaffee-Küche. Rechts vom Haupteingang gab es unter den Bäumen einen hölzernen Tanzboden ohne Dach, auch ’Pariser’ genannt. Bei schönem Wetter spielte dort sonntags ein Mann auf dem Klavier.”


Frau Heidemarie Wolff und ihre Schwester Barbara Kiefer überließen mir freundlicherweise Kopien von Briefen aus dem Nachlass ihres Großvaters Max. Max Leisner (1884-1947), Oberlokomotivführer, erbte 1939 von seinem Onkel Wilhelm Raue mehrere Grundstücke in der Siedlung Gorinsee. Bedingt durch den Krieg verlebte Max Leisner die letzten Lebensjahre im Harz. In seinem Auftrag verwaltete Paul Engel die Grundstücke. Zitat aus einem Brief: „Gorinsee, d. 28.9.1945. Werter Herr Leisner... Ihre Grundstücke sollen nach der neuen Bodenreform verkauft werden. Falls Sie sich nicht melden, werden die Grundstücke von der Gemeinde vergeben, was jedenfalls nicht in Ihrem Interesse liegen würde.”

Paul Engel bat Herrn Leisner: „...beim Notar eine Vollmacht anfertigen zu lassen, dass ich über die Grundstücke als Treuhänder verfügen kann... Meine Personalien sind: Paul Engel, Dreher, (Rentenempfänger) geb. 1.5.1876 zu Berlin, Wohnung Kolonie am Gorinsee, Post Schönwalde, Krs. Niederbarnim, Str. 7, Nr. 6...”.

In einem Brief vom 30.9.1946 schrieb Paul Engel an Max Leisner: „Um von der Kolonie nach Schönerlinde zu kommen, um unsere Zuteilungen einzukaufen, müssen wir erst durch das Dorf Schönwalde gut ¾ Std. Fußweg. Eine Verkaufsstelle besteht hier nicht. In der Kolonie sind zur Zeit 66 Parzellen bewirtschaftet. Auf 18 Parzellen sind 1-2 Familienhäuser, das andere sind Wochenendhäuser und Lauben. Elektrisch Licht ist vorhanden, Gas- und Wasserleitung fehlt.”

Zu den Gründern von Gorin gehörten laut Frau Magdanz ebenfalls Herr Drewert, Herr Geschwander und Herr Markgraf. Zu diesen Personen können bisher keine näheren Angaben gemacht werden.

Viele Wochenendgäste kamen mit dem Fahrrad in die Siedlung. Frau Magdanz erinnert sich an Berliner Geschäftsleute, z.B. Herrn Kurat. Er war Inhaber eines Zigarrengeschäftes in Berlin und kam mit dem eigenen Auto zur Erholung „ins Grüne”. Konditor Ladwig nutzte das Eckgrundstück (jetzige) Göbel-/Ahornstraße, auf dem ein hölzerner Pavillon stand. Tischlermeister Pietschmann lebte auf dem Eckgrundstück Engel-/Göbelstraße, auf dem früher die Konsumbaracke stand.